Aus der Geschichte der SPD Dortmund Brackel

Gründung:               Die Brackeler Affäre

 

Zunächst: Am 25.10.1903 wurde in der Gemeinde Brackel des damaligen Amtes Brackel von 46 Genossen – Frauen waren damals von der Mitgliedschaft in politischen Vereinen ausgeschlossen – ein Ortsverein der SPD gegründet, der im Jahre 1904 bereits 134 und 1905 146 Mitglieder aufwies.

Von den Gründungsmitgliedern sind nur noch die Namen von Fritz Haumann, Wilhelm Meinert, Rudolf Radetzki, Fritz Steinmann, Wilheln Wäscher und Karl Waldeck bekannt.

Die Gründung des Vereins – damals noch Filiale genannt – wurde vor allem von Gewerkschaftern des Bergarbeiterverbandes getragen, denn ein wesentlicher Teil der auf den Zeche Schleswig, Holstein und Scharnhorst arbeitenden Bergleute wohnte damals in Brackel, z.B. in dem heute als „Alte Kolonie“ bekannten Wohnblock an der Bauerstraße.

Der Bergbau zog Arbeitsuchende vor allem aus den deutschen Ostgebieten an, die in SPD und Gewerkschaft aufgenommen wurden, ohne dass ein Gegensatz zwischen alteingesessenen und zugezogenen Mitgliedern entstand. Die Brackeler Bauern spielten in der SPD keine Rolle. Sie standen der Nationalliberalen oder der Volkspartei nahe.

Stimmenverluste in Brackel bei der Reichstagswahl 1907 erklärte unser damaliger Ortsvereinsvorsitzender Schirmer mit dem Zuzug von 200 Bahnarbeitern (wohnhaft in der Siedlung am östlichen Kreuzweg), die liberal gewählt hätten.

Eine aktive Rolle spielte unser Ortsverein im Ringen um die Ausgestaltung der Maifeier. Teile der Partei und die Gewerkschaften vertraten die Auffassung, eine Maifeier grundsätzlich am 1. Sonntag im Mai zu begehen. Unser Ortsverein vertrat einen ganz anderen Standpunkt:

Der 1. Mai sollte als Feiertag des Proletariates durch einen Eintagestreik begangen werden.

In den Jahren 1908 und 1909 trat der Ortsverein Brackel führend für eine radikale Politik zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ein , setzte sich damit in Gegensatz zu der mehr taktisch und praktisch – revisionistisch – eingestellten Dortmunder Parteiführung und – scheiterte.

Im einzelnen: Badische und Bayersche Genossen hatten dem Haushalt ihrer Staaten zugestimmt. Auf  einem Unterbezirksparteitag in Dortmund war dies zu einem Verstoß gegen die Grundsätze der Partei erklärt worden.

Weil Dortmunder Parteitagsdelegierte sich auf dem Nürnberger  Parteitag 1908 gegen den Willen des Unterbezirksparteitages gewandt hatten, forderte unser Ortsverein, Parteidelegierte an die Weisungen ihrer Wahlkörper zu binden.

Um ihre Unwillen gegen diese revisionistische Politik darüber hinaus Ausdruck zu geben, beauftragte die Mitgliederversammlung im April 1909 unseren Ortsvereinsvorstand, einen Referenten aus Berlin nach Brackel einzuladen. Im gesamten Unterbezirk machten unsere Mitglieder mit Handzetteln auf diese Versammlung aufmerksam. Sie fand am Samstag, dem 8.5.1909 in einem der Brackeler Säle statt, also entweder bei Kalthoff (heutige Alte Post), Dreier (später Rex-Kino und heute Heinzelmann) oder Klütsch statt. Wo genau lässt sich nicht mehr feststellen. Die quellen schweigen hierzu.

Etwa 300 Personen waren erschienen, obwohl der Unterbezirksvorstand – gestützt auf einen Parteitagsbeschluss – eindringlich vor der Teilnahme gewarnt hatte. Nach sechsstündiger Dauer endete die Versammlung, in der Referent Fritz Kater u. a. beklagt hatte, dass die politische Arbeiterbewegung sich darauf einrichte, die sozialistische Gesellschaft auf dem langsamen Entwicklungsweg zu erreichen.

Rückblickend fragt man sich, weshalb eine Versammlung mit einem Berliner Referenten in Brackel die Dortmunder/Hörder SPD derart aufschrecken konnte und sie zu derart groben Keil greifen ließ.

 

 

 

 

Wer war Fritz Kater überhaupt?

Er war der Vorsitzende der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ der so genannten „Lokalisten“, einer gewerkschaftliche Gruppierung mit ca. 6 000 Anhängern, die entschieden vom Bergarbeiterverband und seiner Zeitung bekämpft wurde. Die Lokalisten gehörten dementsprechend nicht dem Ortskartell der Gewerkschaft (nach 1919: dem Allg. Deutschen Gewerkschaftsbund) an.

Den o.g. Beschlüssen entsprechend griff der damalige Dortmunder Parteisekretär Franz Klupsch auf der a.o. Generalversammlung im Lokal Rosemann in Hörde am 20.6.1909, in der es um die Ausschlussanträge ging, die Brackeler Genossen an:

Solange die Kreisorganisation besteht, ja wohl auch früher schon, haben die Brackeler eine besondere Rolle in der Bewegung gespielt. Sie haben sich immer als die Radikalisten unter uns Radikalen aufzuspielen versucht.

Der Ortsvereinsvorsitzende von Brackel berief sich zur Verteidigung der Katerversammlung auf einen Beschluss der Mitgliederversammlung. Weiter:

Eigentlich wollte ich hier nicht erscheinen, denn die Arbeiterzeitung hat ja schon selbstherrlich dekretiert, dass wir nicht mehr zur Partei gehören. Dass er mit seinen Freunden rausfliege, sei ihm klar, die Ortsvereine seien vom Vorstand und der Redaktion (der Arbeiterzeitung) beeinflusst worden.

Er, ebenso wie die anderen Brackeler Genossen, hatte keine Chance. Die Generalversammlung beschloss mit 131 gegen 7 Stimmen bei 2 Enthaltungen ihren Ausschluss.

In der Geschichte der Dortmunder SPD heißt es:

Die Brackeler Affäre und ihre Folgen stellten eine wichtige Station in der Entwicklung der sozialdemokratischen Partei im Wahlkreis Dortmund/Hörde dar. Die Opposition der Radikalen hatte sich selbst diskriminiert. Mit dem Ausschluss der Brackeler Parteiführer verloren sie einige ihrer profiliertesten Streiter.

Diese Vorgänge hatten für den Ortsverein zur Folge, dass der Mitgliederbestand, der 1908 mit 460 angegeben wird, beträchtlich schrumpfte und in den folgenden Jahren zwischen 100 und 200 schwankte, was die abgerechneten Marken in den Jahren 1910 und 1912 beweisen.

 

Rudolf Radetzki – ein Leitbild

Über einen Gründer des Ortsvereins Brackel, den 1878 geborene Rudolf Radetzki, soll stellvertretend für viele andere näher berichtet werden.

Von Beruf Bergarbeiter, bekannte er sich seit 1901 zur Sozialdemokratie und hatte, wie viele andere auch, in seiner beruflichen Existenz darunter zu leiden. Wiederholt erklärten ihm die Zechenbeamten – damals in Platt: „Radetzki, künnigt man, sust werst künnigt“, wobei sie sich auf eine Schwarze Liste stützten, die die Zechenleitungen untereinander austauschten. Die damals gekündigten und gemaßregelten Genossen konnten der Solidarität der übrigen gewiss sein. Als in dieser Zeit z.B. Heinrich Epking Berufsverbot im Bergbau erhielt und er gezwungen war, mit Haarschneiden sein Geld zu verdienen (im rückwärtigen Teil des Hauses Hagge, von der Hörder Straße aus) schickten die Genossen ihre Kinder zu ihm. Ebenso konnte der gemaßregelte Alfred Haumann gewiss sein, dass ihm die Sozialdemokraten Butter u.a. abkauften, die er als ambulanter Händler vertrieb.

Bis 1918 gehörte Rudolf Radetzki der Gemeindevertretung Brackel an und wurde nach der Eingemeindung im Frühjahr 1918 Stadtverordneter in Dortmund. Nach Kriegsende 1918 hatte er als solcher auch Kontrollbefugnisse über die Lebensmittelablieferungen der Bauern: In dieser Eigenschaft hielt er in der Notzeit nach dem Krieg einen mit Speckseiten gefüllten Heeresmarketenderwagen auf dem Westheck an und dirigierte ihn zur Versorgung der Brackeler Bevölkerung zur Dienststelle des damals gebildeten Arbeiter- und Soldatenrates in der Nießstraße um.

Wenn nunmehr auch die Sozialdemokratie stärkste Partei in Dortmund werden konnte und ihre Mitglieder nicht mehr vaterlandslose Gesellen beschimpft werden konnten, hatte sich doch die Solidarität innerhalb der Partei immer wieder zu bewähren.

Heute kenne wir dir Aktion Essen auf Rädern der Arbeiterwohlfahrt. Damals beauftragte der Ortsvereinsvorsitzende Rudolf Radetzki seine Frau, für eine in Not geratene Familie in der Königstraße – die Frau war bettlägerig krank – mitzukochen, das heißt, sie mitzuversorgen. Seine Tochter hatte das Essen nach der Königstraße zu bringen.

Mit der Machtergreifung der Nazis erlosch das erkennbare Parteileben in Brackel. Der Ortsvereinsvorsitzende wurde ebenso wie sein Sohn Ewald Radetzki arbeitslos, vergl. anliegenden Erlass des Preußischen Ministers des Inneren vom 29.6.1934. Er musste es über sich ergehen lassen, dass die SA ihn abholte, zum (alten) Flughafen brachte und dort exerzieren – strammstehen – ließ. Er sollte das Horst-Wessel-Lied singen, das er natürlich nicht kannte. Deswegen hatte er es zu üben.

Um solcherlei Schikanen zu entgehen, versteckte er sich1934 beim so genannten Westfalenaufmarsch – ca. 100 000 SA-Leute und Anhänger der NSDAP marschierten mit Hitler an der Spitze vom Flughafen Brackel nach Dortmund – mit seinem Sohn auf dem Judenfriedhof.

1945 lag ein Haftbefehl gegen ihn vor. Wenn er sich nicht wegen eines Hilfsdiensteinsatzes im Rheinland aufgehalten hätte und dort von einer Krankenschwester gewarnt worden wäre, ist es nicht auszuschließen, dass er am Karfreitag 1945 von den Nazis mit ermordet worden wäre.

 

Nach 1945

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Ortsverein neu gegründet.

Seine Vorsitzenden bis zur Teilung am 1.1.78:

Eduard Nollkämper                Willi Burgmann

Andreas Krummacher            Hugo Steinman

Gerhard Wertz                          Renate Peters

Wolfgang Chadt

 

Nachdem schon unmittelbar nach dem Krieg ein Mitglied des Ortsvereins Brackel die Brackeler Interessen in Dortmund vertreten hatte, gelang es 1969, ein weiteres Mitglied in den Rat der Stadt zu bringen.

1970 gibt sich der Ortsverein eine Satzung.

Im Jahre 1978 wurde der Ortsverein Brackel geteilt. Er zählte damals ca. 800 Mitglieder und gehörte zu den größten in Dortmund.

Es entstanden die beiden Ortsvereine Brackel-Ost und Brackel-West, deren Grenze die Flughafenstraße und die Leni-Rommel-Straße bildete.

Da Brackel kommunalpolitisch eine Einheit ist, konnte es naturgemäß keine unterschiedliche Politik der Ortsvereine für ihren jeweiligen Bereich geben. Deshalb war eine ständige Koordination der Vorstellungen und Vorstöße auf dem Gebiet der Kommunalpolitik nötig. Regelmäßige gemeinsame Versammlungen, gemeinsame Vorstandssitzungen und eine gemeinsame kommunalpolitische Kommission sorgten dafür, dass dies zum Wohl der Brackeler Bürger geschah.

Dabei gab es zwei Schwerpunkte: Die Verbesserung der Verkehrsanbindung Brackels an das Oberzentrum Dortmund und den Erhalt der verbliebenen Freiflächen in unserem Ortsteil. Ersteres ist mit dem Ausbau der  663n (OW III A) bis Asseln inzwischen gelungen. An der zweiten Front kämpfen wir weiterhin gegen alle Begehrlichkeiten, das Brackeler Feld mit Bebauung zu überziehen. Diese Diskussion ist seit Kurzem wieder Aufgebrochen, als das Planungsamt eine Randbebauung (Arrondierung) im Bereich Messelickstraße/Haferfeldstraße vorgesehen hat. Dagegen werden wir entscheidenden Widerstand leisten, zumal das gesamte Kasernengelände an der Oesterstraße noch zur Bebauung mit Wohneinheiten, Gewerbegebiet und Sporteinrichtungen zur Verfügung steht.

Ende der neunziger Jahre mehrten sich die Stimmen in den beiden Ortsvereinen, die auf eine Wiedervereinigung der Brackeler SPD drängten. Einmal waren die Mitgliederzahlen seit 1978 rückläufig, wenn auch nicht dramatisch wie in der Dortmunder und der Bundes-SPD. Zum anderen gab es erhebliche Probleme bei der Besetzung der Vorstände beider Ortsvereine und er Aktivierung von Mitgliedern, die sich an der Arbeit der Partei in jeder Form beteiligten. Resultat daraus war, dass sich im Jahre 2002 beide Ortsvereine wieder vereinigten. Der Ortsverein Dortmund-Brackel ist seit dem mit weit über 500 Mitgliedern der größte in Dortmund.

 

Seit 1978 waren Vorsitzende der beiden Ortsvereine

Brackel-Ost                                                 Brackel-West

Wolfgang Chadt                                         Rainer Müller-Kastner

Friehelm Hellmann                                   Günther Wegmann

Ellen Emmert                                             Jochen Braune

Bernd Reinke                                             Hans-Jürgen Bormann

Klaus Job

Hartmut Monecke

Von 2002 an war Hartmut Monecke Vorsitzender des neu erstandenen Ortsvereins Dortmund-Brackel.

 

 

Die Fusion von Brackel und Wambel

Im Jahr 2008 reagierten die Ortsvereine Brackel und Wambel auf die veränderte Mitgliedersituation und schlossen sich zum Ortsverein Brackel/Wambel zusammen.

Vorsitzender des Ortsvereins Brackel/Wambel 

Hartmut Monecke (2008-2010)

Daniel Behnke (seit 2010)

 

Gerd Wetz               Jochen Braune