Geschichte

von Wolfgang E. Weick, Historiker und ehem. OV-Vorsitzender 2000-2006

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzieht sich in Deutschland eine tiefgreifende Wandlung von Gesellschaft und Wirtschaft, die "Industrielle Revolution". Sie wird eingeleitet durch eine beträchtliche Beschleunigung des technischen Fortschritts und führt zur Einführung maschineller Produktion und Erschließung neuer Energien und zur fast vollständigen Auflösung ständisch-handwerklicher Organisationen. Fabrikstädte und Industriezentren entstehen, vor allem an Rhein und Ruhr und in Sachsen.

In den rasant wachsenden Städten herrschen mörderische Arbeits- und Lebensverhältnisse: Siebentagewoche, 14-Stunden-Tag; Hitze, Lärm und giftige Abgase fördern Arbeitsunfälle und Frühinvalidität; Kinderarbeit ist an der Tagesordnung; die Wohnverhältnisse sind katastrophal.

Der Begriff "Ausbeutung" beschreibt treffend, was der arbeitenden Bevölkerung widerfährt.

Die ersten Arbeitervereinigungen der 1848er Revolution, angeregt durch die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, werden durch staatliche Verbote und Verfolgungen unterdrückt. Erst 1863 gelingt ein dauerhafter Zusammenschluss der Arbeiter: Ferdinand Lassalle gründet in Leipzig den "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" (ADAV). Eine Ortsgruppe des ADAV wird 1868 auf Anregung des Schneidergesellen Joseph Rönsch auch in Dortmund gebildet. 1869 gründen Wilhelm Liebknecht und August Bebel in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SAP), die sich an den Vorstellungen von Marx und Engels orientiert. 1875 schließen sich beide Arbeitervereinigungen in Gotha zusammen. Trotz zahlreicher Verbote und kleinlicher Schikanen nehmen von nun an Mitgliederzahl und Einfluss der Arbeiterbewegung zu.

In Dortmund steigt die Zahl der Mitglieder von Ende 1875 mit etwa 50 auf 299 im Jahre 1878. Insbesondere die Zahl der Bergarbeiter, die sich vorher hauptsächlich in eigenen berufsständischen Organisationen zusammenschlossen, nimmt in der SPD beträchtlich zu. Steigende Wählerzahlen - bis hin zu 15.6% der Stimmen im Reichstagswahlkreis Dortmund/Hörde 1877 - sind die Folge. Dieses Wachstum wird durch das Gesetz "gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie", das der Reichstag am 21. Oktober 1878 auf Betreiben des Reichskanzlers Bismarck verabschiedet, zunächst unterbrochen. Das Gesetz bleibt 12 Jahre, bis 1890, in Kraft. Kurz vor seiner Aufhebung -im September 1890- erreicht die SPD bei den Reichstagswahlen im Februar nach dem großen, viele Arbeiter aufrüttelnden Bergarbeiterstreik von 1889, im Wahlkreis Dortmund/Hörde mit 26,7% der Stimmen einen gewaltigen Erfolg und wird damit zweitstärkste Partei. Der eigentliche Durchbruch gelingt den Dortmunder Sozialdemokraten aber 1895, als ihr Kandidat Dr. Franz Lütgenau als 1. Sozialdemokrat des Ruhrgebiets in den Reichstag gewählt wird. Nur noch einmal, im Jahr 1898, muss die Arbeiterbewegung dieses Reichstagsmandat einem Nationalliberalen überlassen; seit 1903 gehört der Reichstagswahlkreis Dortmund/Hörde zu den sichersten der Sozialdemokratischen Partei vor dem ersten Weltkrieg.

Um 1900 gibt es "auf dem flachen Land" im Landkreis Dortmund noch sehr wenige "Filialvereine" der Sozialdemokraten, die zentral organisiert sind. Berufliche Schikanen und behördliche Nachstellungen gehören immer noch zu den beklemmenden Erfahrungen für diejenigen, die sich öffentlich zur Sozialdemokratie bekennen. Vielerorts sind es Arbeiter-Turn- und Radfahrvereine, Gesangsvereine, Lotterie- und Rauchclubs, in denen unter der Hand sozialdemokratisches Gedankengut ausgetauscht wird. Vor allem bis 1905 werden die losen Organisationen im Zuge verstärkter öffentlicher "Agitation" für bevorstehende Reichstagswahlen durch sozialdemokratische Vereine ersetzt. So treffen sich 1901 auch in Wickede Männer, die öffentlich für die Idee der Sozialdemokratie kämpfen wollen und gründen am 12. September 1901 einen sozialdemokratischen Verein. Gründungsmitglieder sind u.a. die Genossen Burgemeister, Rogge, Wetzel, Allewelt, Merkord, Fricke, Stockhecker, Börsting, Lohrmann, Bleidick, Olzoch und Westermann. Unter ihnen ragt bald der Bergmann Karl Wetzel, 1879 in Wickede geboren, hervor, der 1902 auch die Wickeder Zahlstelle des Bergarbeiterverbandes mitgründet und 1910 trotz preußischem Dreiklassen Wahlrecht zum ersten Gemeinderat der SPD in Wickede gewählt wird. Im gleichen Jahr berufen ihn die Bergarbeiter von Wickede zu ihrem Knappschaftsältesten. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg wächst der sozialdemokratische Verein in Wickede auf über 100 Mitglieder an, bei etwas mehr als 2000 Einwohnern.

In diesen Jahren hält auch der technische Fortschritt Einzug in Wickedes Straßen. Ab 1905 erstrahlen auf dem Hellweg die Gaslaternen, ab 1906 verbindet die Landkreisbahn Wickede zunächst mit Körne, dann mit der Dortmunder Innenstadt. Doch noch stehen sich Wickedes Bauern und Bürger und die wachsende Industriearbeiterschaft mit ihren sozialdemokratischen Ideen misstrauisch gegenüber.

Im deutschen Reich erreicht die SPD nach 1912 einen Höhepunkt ihrer Entwicklung: Sie hat über eine Million Mitglieder, sie ist mit 35% der Stimmen und 110 Abgeordneten die weitaus stärkste Fraktion des Reichstages, sie verfügt über 91 Tageszeitungen. In Dortmund erhält sie 1912 44,8% der Stimmen, in der notwendigen Stichwahl sogar 55,4%. Sie ist eine Kraft in der wilhelminischen Klassengesellschaft -aber eine Macht im Staate ist sie nicht. Vor allem hat sie keinen unmittelbaren Einfluss auf die Außen- und Militärpolitik des Reiches, auf Krieg und Frieden. Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges gerät sie in einen schweren Konflikt zwischen der Liebe zum eigenen Volk und der Verpflichtung zur internationalen Solidarität der Arbeiter. Und ihre Haltung bezahlt sie teurer als irgendeine andere politische Kraft im Deutschen Reich: Sie bezahlt mit der Einheit der Partei. Auch der Dortmunder Reichstagsabgeordnete Dr. Erdmann stimmt 1915 gegen die Kriegskredite und wird 1917 Mitglied der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands).

Nach der von der Obersten Heeresleitung bewusst verschleierten Niederlage der deutschen Armeen revoltieren Soldaten und Arbeiter im November 1918 gegen das undemokratische kaiserliche Regime. Auch in Dortmund tauchen am 8. November vormittags revolutionäre Matrosen auf, schon am Nachmittag wird ein Soldatenrat gebildet, am Abend verhandeln Sozialdemokraten mit den Soldaten und bilden den Arbeiter- und Soldatenrat. Zu ernsthaften Zusammenstößen kommt es nicht. Am 9. November übernimmt der Arbeiter- und Soldatenrat die politische und militärische Gewalt. Ähnliches vollzieht sich in vielen Landgemeinden, so auch in Wickede. Karl Wetzel übernimmt hier die Leitung des örtlichen Arbeiter- und Soldatenrates. Seine Aufgaben sind die Sicherung der Lebensmittelversorgung, Beschaffung von Wohnungen und Arbeitsplätzen, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

In der Frage grundlegender politischer und gesellschaftlicher Umgestaltung, insbesondere der schnellen Sozialisierung des Bergbaus, der sofortigen Demokratisierung der Verwaltung und der Abschaffung des Militärs, kommt es rasch zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien innerhalb des Arbeiter- und Soldatenrates. Hier spielt bei der in Dortmund zunächst schwachen USPD ein gebürtiger Wickeder, Adolf Meinberg, eine führende Rolle. Während die Mehrheitssozialdemokratie unter Ernst Mehlich für eine schrittweise Entwicklung des Staats- und Gesellschaftssystems und deshalb für baldige Wahlen zur Nationalversammlung -und damit für die Ablösung der Arbeiter- und Soldatenräte- plädiert, will Meinberg, 1893 in Wickede als Sohn eines Bergarbeiters geboren, die Aufschiebung der Wahlen zur Nationalversammlung in Verbindung mit einer sozialdemokratischen Aufklärungskampagne durchsetzen. Doch mit der Parole "Demokratie oder Bolschewismus" stellt sich die Dortmunder SPD völlig hinter die Politik Friedrich Eberts.

 

 

Nationalversammlung am 19. Januar 1919

 

Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919, der ersten Wahl, an der auch Frauen gleichberechtigt teilnehmen können, setzt sich die Dortmunder SPD mit 46,5% deutlich gegen die linke USPD durch. Bei den folgenden Kommunalwahlen im März 1919 erhält die MSPD in Dortmund 34 von 78 Sitzen; in Wickede erreicht sie die absolute Mehrheit der Mandate und Karl Wetzel wird von der Gemeindevertretung einstimmig zum Gemeindevorsteher und zum stellvertretenden Amtmann des Amtes Brackel bestimmt. Nach der Eingemeindung des Ortes in den Stadtbezirk Dortmund 1928 wird er ehrenamtliches Mitglied des Magistrats der Stadt und bleibt bis 1933 auch Mitglied des Provinziallandtages für die SPD. Adolf Meinberg hingegen stößt im März 1919 zur KPD (Spartakus), die ihn schon 1922 als Spitzel und Verräter wieder ausschließt.

 

 

Fritz Steinhoff

 

Die Novemberrevolution der Matrosen 1918 in Kiel bringt auch für einen anderen, ebenfalls aus Wickede stammenden Bergmannssohn, die entscheidende Wende in seinem Leben. In Fritz Steinhoff, 1897 als eines von 11 Kindern zur Welt gekommen und in Massen aufgewachsen, zunächst Landarbeiter, dann Schlepper, Bremser und Lehrhauer unter Tage, zuletzt Heizer auf einem Torpedoboot der Kaiserlichen Kriegsmarine, wird ein politischer Sinn erweckt. Mit jenen Kieler Erfahrungen und Erkenntnissen kehrt er zurück an seine Arbeit im Bergbau.

Doch er ist auf eine Spur gesetzt; er wird Mitglied der proletarischen Arbeiterjugend, dann der sozialdemokratischen Arbeiterjugend, schließlich der Jungsozialisten. Er bildet sich fort auf der "Akademie der Arbeit" in Frankfurt, begibt sich auf Wanderschaft durch Süddeutschland, setzt 1925 seine Studien an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin fort. Nach einer kurzen journalistischen und Verlagstätigkeit in Dortmund schickt ihn die SPD-Bezirksleitung Dortmund 1928 als Parteisekretär nach Hagen. In dieser Stadt sammelt er seine große kommunalpolitischen Erfahrungen, die ihm nach Verfolgung, Inhaftierung und Konzentrationslager durch die Nationalsozialisten nach dem Kriege als langjährigem Oberbürgermeister von Hagen (1946-1956), Wiederaufbauminister (1950-1953) und schließlich als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (1956 - 1958) zugute kommen.

 

Stellen sich die 20er Jahre im Leben eines Fritz Steinhoff wie eine gradlinige, ja beinahe zwangsläufige Aufwärtsentwicklung dar, so trifft das für die Entwicklung der Sozialdemokratie im Reich und in Dortmund keineswegs zu. Kapp-Putsch und Ruhrkampf 1920, Ruhrbesetzung 1923-1924 - mit Brackel als Grenzort und Wickede als erstem "freien" Bahnhof - und Inflation 1924 werfen die SPD in der Gunst der Wähler weit zurück, bringen zunächst der USPD und nach deren Auflösung der KPD hohe Stimmengewinne in der Arbeiterschaft, vor allem auf Reichs- aber auch auf kommunaler Ebene. Not und Elend beherrschen bis in die Mitte der 20er Jahre die Dortmunder Bevölkerung. Die wirtschaftliche Erholungsphase zwischen 1925 und 1929, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, ist zu kurz, um länger wirkende politische Folgen zu haben.

Auch in der Gemeinde Wickede lassen sich die allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tendenzen der 20er Jahre ablesen. So existieren neben den zahlreichen bürgerlichen Vereinen, dem Bürgerschützen-Verein, der Sängervereinigung, dem Turnverein Arminius und anderen die Vereine der Arbeiterbewegung, die den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie nahe stehen und alle 1933 von den Nationalsozialisten verboten werden: der Arbeitersportverein, der Arbeitergesangverein, die Arbeitersamaritergruppe und der Arbeiter-Bandonium-Musikverein. Wirtschaftlich trifft die Gemeinde die Schließung der Zeche Massen hart. Dennoch kann auch die in Wickede von dem Sozialdemokraten Karl Wetzel geführte Kommunalverwaltung Erfolge aufweisen, so die Einrichtung des Kommunalfriedhofes 1924.

Am 1. April 1928 endet die kommunale Selbstverwaltung Wickedes mit der Eingemeindung nach Dortmund. Mit der kommunalen Gebietsreform 1928/29 entsteht Groß-Dortmund mit 533 000 Einwohnern und einem Gebiet von 27 134 Hektar. Die neuen Stadtteile erhalten gesonderte Verwaltungsstellen. Die Interessenvertretung der neuen Vororte erfolgt bis 1945 ausschließlich auf der zentralen parlamentarischen Ebene der Stadtverordnetenversammlung, Bei den Kommunalwahlen vom 7. November 1929 kommen 40 der 84 Stadtverordneten aus den Vororten.

Aus dieser Wahl geht die SPD mit 33,7% noch einmal als klarer Sieger hervor und verfügt zusammen mit dem Zentrum über eine deutliche Mehrheit. Doch in den kommenden Jahren werden die extreme Rechte, die Nationalsozialisten, und die extreme Linke, die Kommunisten, auch in Dortmund immer stärker. Bei den Reichstagswahlen und den kurz darauf folgenden Kommunalwahlen vom März 1933, also schon nach Hitlers "Machtergreifung", wird die NSDAP zwar mit 27 bzw. 33,3% zur stärksten politischen Kraft, doch steht ihr immer noch der Block von SPD (20,8 bzw. 19,8%) und Zentrum (18,2 bzw. 19,4%) sowie die KPD (23,1 bzw. 18,2%) gegenüber. Diese Wahlergebnisse spiegeln den starken Widerstandskampf in Dortmund wider, der sich seit dem 30. Januar in der Stadt abspielt. Politische Ohnmacht, gesellschaftliche Ächtung, Verfolgung, Inhaftierung, Emigration und Konzentrationslager sind das Schicksal der Sozialdemokraten im nationalsozialistischen Terrorregime auch zahlreicher Wickeder Sozialdemokraten. Subversive Tätigkeiten, geheimer und offener Widerstand erfordern großen persönlichen Mut. Die meisten bleiben stark, wenige reihen sich beim politischen Feind ein. Sozialdemokratische Solidarität verhilft vielen zum Überleben bis zum Kriegsende.

 

 

1945

 

In Wickede treffen sich schon im April 1945 Männer und Frauen in der Wohnung von Karl Wetzel, um die Neugründung der SPD zu beraten, die erst später von der britischen Besatzungsmacht offiziell gestattet wird. Noch im Jahre 1945 erreicht der neugegründete SPD-Ortsverein Wickede 80 Mitglieder; diese Zahl steigt auf 142 im Jahre 1946 und 230 im Jahre 1948.

Die Frauen und Männer der ersten Stunde nach dem Krieg sind unter anderen Karl Wetzel, der den Ortsverein bis 1949 führt, August Grimmedahl, der in diesem Amt bis 1955 tätig ist, Heinz Wetzel, der den Ortsverein bis 1962 leitet, Friedhelm Lange, der diese Funktion von 1962 bis 1964 inne hat, Fritz Schott, Thea Wykopal, Berta und Erich Stempel. In diesen Jahren wächst der Ortsverein zu einem der zehn größten im Stadtverband Dortmund heran.

Neben der Diskussion der großen politischen Fragen jener Zeit, z.B. der Gesetzgebung zur Montanmitbestimmung und zur Betriebsverfassung, der Frage der Remilitarisierung und Gründung der Bundeswehr, der Kampagne gegen den Atomtod Ende der 50er Jahre hat sich der Ortsverein vor allem mit den Problemen der Wohnungsnot und des Wohnungsbaus in Wickede, mit Schul- und Jugendproblemen auseinandergesetzt. Vieles ist in jenen Jahren erreicht worden, z.B. die Errichtung des Jugendheimes 1962, vor allem der verstärkte soziale Wohnungsbau an den Rändern des alten Dorfes und der Neubau von drei Schulen mit Turnhallen.

 

 

Arbeit vor Ort

 

Diese engagierte Arbeit vor Ort hat zum einen zu einer immer größeren Attraktivität des Ortsvereins selbst geführt -sind es 1967 noch 342 Mitglieder, so sind es 1987 bereits 665-, zum anderen schlägt sie sich in den Wahlergebnissen nieder, die bei Kommunalwahlen durch die Jahre hinweg zwischen 57 und 63% liegen und bei Bundestagswahlen ebenfalls die 50% immer überschritten haben. Ein bedeutsames Ereignis für die Wickeder SPD ist im September 1965 der Besuch des damaligen Kanzlerkandidaten und späteren Bundeskanzlers, des verstorbenen Ehrenvorsitzenden der SPD, Willy Brandt, der auf einer Wahlkampfreise auf einem Platz an der Meylantstraße, Ecke Alte Märsch zu einer großen Zahl Wickeder Bürger spricht. Willy Brandt in Wickede 

Die führenden Köpfe der Wickeder Sozialdemokraten in den 60er, 70er und 80er Jahren sind Willi Spaenhoff, Rolf Marquardt und Walter Mielke. Willi Spaenhoff, von 1966 bis 1974 Ortsvereinsvorsitzender, vertritt die Wickeder Interessen von 1964 bis 1989 im Rat der Stadt Dortmund und repräsentiert die Stadt über ihre Grenzen hinaus von 1976 bis 1989 als Bürgermeister. Aufgrund der gestiegenen Mitgliederzahl wird der Ortsverein im November 1977 geteilt in die Ortsvereine Wickede-West und Wickede-Ost. Rolf Marquardt, der 1974 zum Vorsitzenden gewählt wird, behält diese Amt im Ortsverein Wickede-Ost bis 1990 bei und amtiert darüber hinaus als Vorsitzender des SPD-Stadtbezirkes Dortmund-Brackel bis 1990. Den Vorsitz des Ortsvereins Wickede-West übernimmt 1978 noch einmal für 4 Jahre Willi Spaenhoff. Aufgrund ihrer großen Verdienste für die SPD in Wickede werden beide von ihren Ortsvereinen zu Ehrenvorsitzenden gewählt. Ihre Nachfolger als Vorsitzende sind in Wickede-West von 1982 bis 1992 Peter Spaenhoff und von 1992 bis 1994 Karl-Heinz Czierpka, in Wickede-Ost von 1990 bis 1994 Siegfried Petrik.

Walter Mielke, von 1967 bis 1975 bereits Mitglied des Bürgerausschusses, amtiert seit 1975 als Bezirksvorsteher (Vorsitzender der Bezirksvertretung) des Bezirkes Dortmund-Brackel.

Im Zentrum der kommunalpolitischen Aktivitäten dieser Jahre stehen Wohnungsbau und Gewerbeansiedlung, Verkehrsprobleme und die Ortskerngestaltung. So wird im Wohnpark Wickede eine beispielhafte Bebauung im Norden Wickedes erweitert. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze wird mit der Ausweisung des Gewerbegebietes Wickede-Süd erreicht, ein weiteres Gewerbegebiet entsteht im Westen auf dem Gelände hinter dem Werk der Firma Pohlschröder. Aber es wird auch Raum für Freizeitaktivitäten geschaffen: Am Pleckenbrink entsteht eine große Kleingartendaueranlage.

Auf dem Gelände einer aufgelassenen Tankstelle und dem alten Bauernhof Schorlemmer im Ortskern soll in den nächsten Jahren ein attraktiver Mittelpunkt für Wickede entstehen. Mit zunehmendem Individualverkehr wachsen die Verkehrsprobleme vor allem auf dem Hellweg, durch Verdrängungseffekte aber auch in den Wohngebieten. Hier wird in den nächsten Jahren der Schwerpunkt der kommunalpolitischen Arbeit liegen.

Der Verkehrslandeplatz, von der Buckelpiste faktisch zum Regionalflughafen gewachsen, belastet nicht nur Wickede seit der letzten Verlängerung der Startbahn zunehmend durch Lärm und Abgase. Daher werden die Pläne zur Verdoppelung der Startbahnlänge sehr kritisch diskutiert. Der von den Wickeder Sozialdemokraten getragene Arbeitskreis Verkehrslandeplatz trägt zur Versachlichung der Diskussion bei, indem er die Schwachpunkte in der Argumentation der Geschäftsführung aufzeigt und erreicht dadurch bei der entscheidenden Abstimmung im Unterbezirksbeirat immerhin 40% Stimmen gegen den Ausbau. Dennoch beschließt der Rat der Stadt Dortmund 1993 gegen die Stimmen der Stadtbezirke Aplerbeck und Brackel die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens.

1994 schließen sich die beiden Ortsvereine wieder zu einem gemeinsamen Ortsverein unter dem Vorsitz von Friedhelm Sohn zusammen, der seit 1989 als Nachfolger Willi Spaenhoffs die Wickeder Interessen im Rat der Stadt Dortmund vertritt. Der "neue" Ortsverein Dortmund-Wickede ist mit über 500 Mitgliedern der größte Ortsverein der SPD in Dortmund!

Bei der Kommunalwahl 1994 kann Friedhelm Sohn sein Ergebnis von 1989 nochmals verbessern, während die SPD in Dortmund insgesamt Verluste hinnehmen muss. Die Bezirksvertretungsfraktion der SPD behält mit 11 Mandaten weiterhin die absolute Mehrheit. Aus Wickede kommen Karl-Heinz Czierpka, der zum Bezirksvorsteher gewählt wird, und Kerstin Gebauer, Karin Carl und Reinhard Preuß.

Die Ortskerngestaltung gerät zur unendlichen Geschichte, Verkehrsprobleme und vor allem die Diskussion um das Planfeststellungsverfahren zum Ausbau des Flughafen sind markante Punkte der Kommunalpolitik.

Die Bezirksvertretung nutzt kreativ die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Gemeindeordnung und profiliert sich durch eine Reihe von Initiativen, u.a. in der Jugendpolitik.

1998, beim Regierungswechsel in Bonn, kann MdB Wolfgang Weiermann in seinem Wahlkreis das fünftbeste Ergebnis Deutschlands vorweisen.

Zur Kommunalwahl 1999 wird Friedhelm Sohn wiederum für den Rat nominiert, die Liste für die Bezirksvertretung führt erneut Karl-Heinz Czierpka an, auf aussichtsreichen Plätzen kandidieren Karin Carl und Reinhard Preuß.